Post aus Japan

Ludwigsplatz, Saarbrücken-Sarrebruck, Saarland-Sarre Foto die arge lola/Regiofactum

Fumie lived many years in Saarbrücken, near the German-French border. She came from Japan to work in a Japanese restaurant.Here, she shares her experiences and impressions with us. The „long distance“ conversation started when there was no more possibility to travel, neither to neighboring France nor to Japan. The conversation is translated by Fumie’s friend Noreen and complemented by photos taken during a trip to Japan.

Liebe Fumie, du hast in Saarbrücken gelebt und bist heute wieder in Japan. Wie war es für dich, in Deutschland/Europa zu leben?

Alles, was ich erlebt habe, ist wie ein wertvoller Schatz, denn mir ist bewusst, dass es nicht jedem vergönnt ist, solche Erfahrungen zu machen.
Mittlerweile sind Studien- und Arbeitsaufenthalte im Ausland oder internationale Ehen nichts Ungewöhnliches mehr, aber damals kam das in meinem privaten Umfeld noch selten vor.

Basilika St. Johann, Saarbrücken

Ich denke, die Erfahrungen haben meinen Horizont erweitert und meine Wertvorstellung verändert. Hätte ich nicht in Deutschland gelebt, stünde ich europäischer Kunst, Geschichte und aktuellen Geschehnissen in Europa wohl recht gleichgültig gegenüber.

Viele herzliche Menschen kennenzulernen, Einblicke in klassische Musik und Kunst zu gewinnen, geschichtsträchtige Gebäude und die wunderschöne Natur zu sehen (nicht nur in Deutschland sondern z.B. auch in Frankreich und in der Schweiz etc.), all das hat mein Herz auf eine Art bereichert, die mir in Japan nicht zugänglich gewesen wäre.
Daneben hat mein Aufenthalt im Ausland dazu beigetragen, mir die guten Seiten von Japan bewusst zu machen und auch viel über Familie nachzudenken.

Musées de Sarreguemines

Was ist anders als in Japan?

Japan ist ein Inselreich, weshalb es, anders als auf dem europäischen Kontinent, keine direkten Grenzen zu anderen Staaten und vergleichsweise wenige Menschen anderer Nationalität gibt. Bevor ich nach Deutschland kam, bin ich in meinem Alltag nur selten mit Menschen aus anderen Ländern in Berührung gekommen.

Straßenszene am Wochenende in Tokyo

Die Mentalität, Denkweise und Bräuche… alles ist anders.
Die Deutschen und EuropäerInnen, denen ich begegnet bin, kamen mir selbstbewusster und hilfsbereiter vor als meine Landsleute.

Wie nimmst du die Nähe zur Grenze/die Großregion wahr?

Da ich in der Grenzstadt Saarbrücken gewohnt habe, konnte ich, wann immer mir danach war (sogar ohne Geld zu wechseln), einfach so „rüber“ nach Frankreich oder Luxemburg. Das war wirklich toll.

Als ich frisch nach Deutschland kam, existierten die Grenzen allerdings noch.
Ich konnte mir anfangs gar nicht vorstellen, wie es ist, eine Grenze zu überqueren. Mein erster Grenzübertritt war bei der französischen Stadt Großblittersdorf.

Freundschaftsbrücke : Pont de l’amitié, vue par Grosbliederstroff

Auf der anderen Seite waren Orts- und Werbeschilder auf einmal in französischer Sprache, aber es gab überhaupt keine Passkontrolle.
Ich war verwundert, wie einfach es doch war, die Grenze zu überschreiten. Ich war damals gerade erst nach Deutschland gekommen, und ich erinnere mich gut daran, wie begeistert ich war, nach nur wenigen Tagen schon einen Fuß auf französischen Boden zu setzen.

Wie fühlt es sich an, wenn man die Grenze einfach so (von Corona abgesehen) überschreiten kann?

Ich finde es wunderbar, dass sich für die EuropäerInnen mit dem Wegfall der Grenzen viele neue Möglichkeiten ergeben. Auf der anderen Seite denke ich, dass es nicht einfach ist, die verschiedenen Mentalitäten unter einen Hut zu bringen. Auch lässt sich sicher Manches nicht so einfach in gemeinsame Gesetze und Politik übertragen.

Landtag des Saarlandes: Verfassung Artikel 60, Absatz 2: „Das Saarland fördert die europäische Einigung und tritt für die Beteiligung eigenständiger Regionen an der Willensbildung der Europäischen Gemeinschaften und des vereinten Europa ein. Es arbeitet mit anderen europäischen Regionen zusammen und unterstützt grenzüberschreitende Beziehungen zwischen benachbarten Gebietskörperschaften und Einrichtungen.“

Bist du viel gereist?

Ja. Neben Deutschland habe ich elf oder zwölf andere Länder besucht: Frankreich, die Schweiz, Italien, Spanien, Schweden, Norwegen, Luxemburg, Belgien, Ungarn, die Türkei und Österreich…

Musée Olympique, Lausanne, Ausstellung „Tokyo 1964“

Hast du Französisch gelernt?

Ja, im 13. oder 14. Jahr meines Aufenthaltes habe es einmal versucht. Aber ich hab’s aufgegeben.
Ich sollte es nochmal probieren!

Was bedeutet „Großregion“ für dich? Europäische Kultur?

Wenn ich an europäische Kultur denke, kommt mir zuerst klassische Musik in den Sinn. Das liegt sicher daran, dass es mit dem Orchester der Stadt Saarbrücken durch die dort tätigen japanischen MusikerInnen viele Berührungspunkte gab. Es war ein außerordentlich glücklicher Umstand, in Saarbrücken sowohl Theater- und Konzertvorstellungen besuchen und Opernaufführungen und Ballett sehen zu können.

Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht so viele Gelegenheiten, mit klassischer Musik in Berührung zu kommen. Bis dahin hatte ich nur berühmte Auszüge und Melodien gehört, nicht aber die kompletten Werke.

In Saarbrücken gibt es neben den Konzerten auch das Open air-Sommerkonzert des Staatstheaters, und an vielen Ecken in der Stadt spielen KünstlerInnen Musik. Das habe ich bei Café-Besuchen oder beim Flanieren durch die Stadt immer sehr genossen.

So gab es viele Möglichkeit, klassische Musik zu hören, und ich bin in Deutschland zu einem großen Klassik-Fan geworden.

Gibt es etwas, dass du in Saarbrücken vermisst hast?

Neben dem Essen vielleicht auch etwas aus der japanischen Mentalität, Gesten, Verhaltensweisen, Kultur? Ich war ja in einem japanischen Restaurant angestellt und jeden Abend kamen alle Kolleginnen und Kollegen zusammen, um gemeinsam zu essen. So gesehen war ich also in der glücklichen Lage, nicht auf japanisches Essen verzichten zu müssen. Eigentlich gab es gar nichts, was ich wirklich schmerzlich vermisst hätte.

Bistro in Tokyo, gefüllte Wirsingblätter

Manchmal, etwa bei Behördengängen oder wichtigen Unterlagen habe ich mir natürlich schon gedacht, wie viel bequemer und leichter dieselben Dinge wären, würde ich sie in Japan auf Japanisch erledigen können … aber abgesehen davon, habe ich nicht viel vermisst

Umgekehrt vermisse ich jetzt Saarbrücken, vor allem meine Freunde und Bekannten in Deutschland; dann natürlich die klassischen Konzerte vor Ort, den Wochenmarkt, die Café-Besuche auf der Terrasse, ein Glas Wein oder Bier am Mittag an der frischen Luft bei schönem Wetter; die Saar und dass es im Sommer bis 22h hell ist – und die Wurst vermisse ich auch.
Ich liebe die Weinberge, zehre von den Erinnerungen an die Orte, die ich besucht habe, und ich würde so gern mal wieder richtigen, originalen Käse essen.

Verhalten sich Deutsche, Franzosen, Luxemburger – Europäer – aus japanischer Sicht manchmal „unhöflich“, seltsam…?

Ich hatte nie den Eindruck, dass Deutsche, Franzosen usw. unhöflich sind. Vielmehr sind mir ausschließlich freundliche und höfliche Leute begegnet. Das ist gerade mit ein Grund, weshalb ich gerne an die Zeit in Deutschland und Europa zurückdenke!

Was hat dich in Europa am meisten schockiert?

Die schockierendsten Erfahrungen waren mein Besuch im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg und die Zeugnisse der im 2. Weltkrieg zerbombten Stadt Dresden. Ich habe mir ein paar Filme angesehen, die über die damaligen Ereignisse aufgeklärt haben. Das hat mich ziemlich mitgenommen.

In Japan gibt es zwar auch Einrichtungen und Filme, die über diese Zeit berichten, aber aus irgendeinem Grund hat mich das mehr schockiert, als das was ich in Japan gesehen hatte. Das Thema ist in Europa überall greifbar und die Erfahrung unmittelbarer.

Es gab noch ein paar andere, alltägliche Dinge, die für mich sehr befremdlich waren.

Am Anfang fand ich es zum Beispiel eigenartig, dass die Lebensmittelgeschäfte samstags um 14h schließen, dass am Sonntag alle Läden zu sind und dass auch an normalen Wochentagen die Metzgerei, die Reinigung usw. zwischen 12-14h geschlossen ist.

Auch gibt es keine Convenience Stores, die rund um die Uhr geöffnet sind, so dass ich es als umständlich empfand, meine Einkäufe nicht am späten Abend erledigen zu können. Das war damals schon ein kleiner Schock. Aber jetzt ist es eine schöne Erinnerung.

Eine weitere Erfahrung, die mich positiv überrascht hat, war die Tatsache, dass sich völlig Fremde grüßen. Fremde, die sich z.B. beim Spazieren über den Weg laufen oder in einem Restaurant nebeneinander sitzen, grüßen und unterhalten sich miteinander, als wären sie sich zuvor schon einmal irgendwo begegnet. Das fand ich so toll, und leider gibt es das in Japan nicht.

Was gefällt dir in Saarbrücken besonders gut?

Die Freundlichkeit der Menschen. Die Nähe zum Fluss. Und die Nähe zur Grenze. Ich habe einmal gehört, dass die SaarländerInnen aufgrund ihrer gemeinsamen Erfahrungen mit Frankreich als besonders herzlich und einladend gelten. Sicher hat auch die Esskultur davon profitiert.
Saarbrücken ist zwar eine kleine Stadt, aber trotzdem gibt es ein Theater, schöne Cafés und viele leckere Restaurants. Mit der Saar direkt vor der Haustür ist man schnell in der Natur. Man gelangt ganz einfach überall hin.

Mir gefällt, dass überall, nicht nur in Saarbrücken, alte, geschichtsträchtige Gebäude erhalten geblieben sind.

Ich könnte endlos fortfahren…

Was können wir von JapanerInnen lernen?

Japanerinnen und Japaner habe gute Seiten wie die Deutschen gute Seiten haben. Ich könnte nichts benennen, was die Deutschen von Japanern lernen sollten. Ich denke, in allen zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es vor allem auf Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme an.

Vor kurzem gab es hier eine Fernsehsendung, in der eine Umfrage vorgestellt wurde. Die Frage war, in welches Land man reisen möchte, wenn Corona vorbei ist. Japan war auf Platz 1 der Reiseziele.

Als Grund wurden u.a. die öffentliche Sicherheit angeführt. Natürlich geschehen auch in Japan Verbrechen, aber ich denke, nicht ganz so häufig wie anderswo. Wenn man zum Beispiel in Japan die Geldbörse verliert, ist es selbstverständlich, dass der Finder/ die Finderin sie mitsamt dem Inhalt – Bargeld und Kreditkarten – bei der Polizei abgibt.

Ich habe gehört, dass AusländerInnen davon schwer beeindruckt sind.
Übrigens habe ich am Frankfurter Flughafen mal meinen WIFI-Stick verloren. Er ist nie wieder aufgetaucht …

Daneben gibt es auf dem Land Bauern, die ihr Gemüse und Obst in dünnbesiedelten Gebieten und an unbesetzten Stellen am Wegesrand zum Verkauf anbieten und niemand nimmt etwas, ohne zu bezahlen – und wenn, dann kommt das nicht oft vor. In den japanischen Großstädten sieht es aber sicherlich auch anders aus…

In diesem Zusammenhang gibt es eine Sache, die mich nach meiner Rückkehr hat erkennen lassen, wie wunderbar doch auch Japan ist.
Und zwar kam mir dieser Gedanke bei einem Besuch auf der Post. In deutschen Poststellen stehen Kugelschreiber zur Verfügung, um z.B. Umschläge zu beschriften. In Japan liegt darüber hinaus aber auch Kleber und dergleichen aus.

Saarbrücken, Rathausplatz mit Post

Diese Utensilien werden nicht entwendet, obwohl sie – anders als die Kugelschreiber in Deutschland – nicht mit Kette oder Schnur gesichert sind. Das hat mir vor Augen geführt, wie gut es in Japan um die öffentliche Ordnung bestellt ist.

Man sagt von Japanern, sie seien gute und ehrliche Leute. Vielleicht ist das Misstrauen gegenüber Mitmenschen weniger ausgeprägt. Möglicherweise steckt dahinter die Haltung des allgemeinen Wohlwollens und des Glaubens in die Menschen.

In Japan hält sich die Maxime, dem Gegenüber mit Einfühlungsvermögen und Respekt zu begegnen. Eine Einstellung, die ihre Wurzeln in den Lehren des Konfuzianismus hat. Außerdem wird die Bevölkerung des alten Japans oft als ein zum größten Teil aus Bauern bestehendes Volk bezeichnet. Es wäre möglich, dass diese Tatsache auch als Begründung für manche Mentalitätsunterschiede herangezogen werden kann.

In Japan gab es keine Ausgangssperren, keine so strikten Regeln wie in Europa wegen der Pandemie, warum?

In Japan ist es schon lange Usus, auch bei einfachen Erkältungen eine Maske zu tragen. Darüber hinaus wird schon im Kindergarten, in der Schule und Zuhause besonderen Wert darauf gelegt, sich, wenn man nach Hause kommt, als erstes die Hände zu waschen und zu gurgeln. In Supermärkten, Kaufhäusern, im Rathaus und am Flughäfen stehen eingangs Desinfektionsspender bereit.Es wäre möglich, dass dies Gründe sind, weshalb sich die Zahlen in Grenzen halten.

Ich denke, man macht in Japan nichts, was man nicht auch in anderen Ländern macht. Aber möglicherweise halten sich die JapanerInnen strikter an die Vorgaben.

Ausstellungen zu den Olympischen Speilen in Lausanne, hier die Läuferin Kinue Hitomi 1927

An der Saar, Foto: Eva Mendgen

Vielen Dank für deine Zeit, Fumie, besonderen Dank auch an Noreen für’s Übersetzen und an Alexander für sein Interesse!

… und komm bald wieder!

 

P.S.
Für Fumie habe ich einige Fotos herausgesucht, die während einer Japan-Reise entstanden sind, im selben Jahr, in dem Fumie in ihr Heimatland zurück gekehrt ist, ergänzt durch ein paar aktuelle Fotos aus Saarbrücken, von der Saar und vom Olympischen Museum in Lausanne, wo es 2020/2021 eine Ausstellung zur Geschichte der Olympischen Spiele in Japan gab : ).

Eva Mendgen

Viel Spaß!!