Europäische Kulturgemeinschaft: Kristallglasmacher in der Großregion – Grande Région: une communauté culturelle du savoir-faire

L’Europe, avant d’être une alliance militaire ou une entité économique, doit être une communauté culturelle dans le sens le plus élevé de ce terme. (Schuman 1963a: 31)

Europa muss, ehe es zur militärischen Allianz oder zum wirtschaftlichen Bündnis wird, v. a. eine kulturelle Gemeinschaft im höchsten Sinne des Wortes bilden. (Schuman 1963b: 29)

Industriekultur

Eines der wesentlichen Alleinstellungsmerkmale der Großregion Saarland-Lothringen-Luxemburg-Rheinland-Pfalz-Wallonien ist ihre facettenreiche Industriekultur. Hier spielen das Glasmacherhandwerk und die -gemeinschaften seit Jahrhunderten eine wesentliche Rolle, sei es als Schrittmacher für grenzübergreifende Zusammenarbeit oder die Schwerindustrie (vgl. Helfer 2013; Helfer in diesem Band), sei es als Wirtschaftsfaktor oder eben als Beispiel einer Kulturgemeinschaft der besonderen Art. Die Ausdehnung der Großregion 1 rund um Luxemburg entspricht im Wesentlichen dem Kernland dieser von Anfang an europäischen Industrie. Die belle industrie, wie sie im 19. Jahrhundert genannt wurde, hat anders als beispielsweise die Schwerindustrie kaum jemals für öffentliches Aufsehen gesorgt. Sie ist als solche mehr oder weniger unsichtbar geblieben. Dies mag unterschiedliche Gründe haben, die sowohl struktureller als auch wirtschaftspolitischer Art sind: Zum einen beruht die Glasindustrie auf eher kleinteiligen, genossenschaftlichen, nicht selten auch familiären Unternehmensstrukturen; zum anderen besteht für sie die Notwendigkeit, die Betriebsgeheimnisse so weit wie möglich zu wahren. Entscheidend mag weiterhin auch der von Anfang an supranationale Charakter der schönen Industrie der Großregion gewesen sein, die Organisation der Arbeit in Teams und der dort ausgeprägte Arbeitsethos, die erst heute tatsächlich als Qualitäten wahrgenommen werden. Nicht zuletzt zeigt sich an ihr die komplizierte europäische Wirklichkeit der Region und die bis heute währende Schwierigkeit, einer Industriegeschichte gerecht zu werden, die sich wenigstens bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und die nur im größeren Kontext der europäischen Kunst-, Kultur-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte und anderer geisteswissenschaftlichen Disziplinen gebührend aufgearbeitet und in Wert gesetzt werden kann.

Gentilshommes verriers

Glasmacher aus ganz Europa ließen sich als Gentilshommes verriers vermutlich zuerst in der Forêt de Darney im Süden Lothringens nieder. Diese ›Migranten‹ wanderten im Rahmen früher Formen staatlicher Wirtschaftsförderung ein. Sie erhielten zahlreiche Privilegien: So ist in der Charte des verriers (1469) unter anderem die Befreiung von der Leibeigenschaft festgelegt – vielleicht ein Grund dafür, dass sich diese Handwerkskunst nicht nur von Generation zu Generation weiter vermittelt, sondern sich vielmehr auch ausgebreitet hat. Bald schon gab es Glasmacherzentren nicht nur in Südlothringen, am Rand der Vogesen und im Bitscher Land, sondern in allen an den Energiequellen Holz und Steinkohle reichen Gebieten, im Warndt und im Saarkohlewald (Lothringen/Saarland), wo die Anfänge der saarländischen Glasindustrie im Wesentlichen auf lothringische bzw. französische Unternehmen zurückgehen. Etwa zeitgleich entstanden die ersten Glashütten in den wallonischen Regionen Namur, Lüttich und Centre. Sie profitierten unter anderem vom Wissen italienischer Glasmacher, später dann vom Savoir-faire aus Lothringen.

Alltagskultur

Die Produkte selbst sind es, die trotz ihrer Zerbrechlichkeit zahlreich die Zeiten des Wandels überlebt haben. Sie sind es, die jedes auf seine Art vom Savoir-faire der Glasmacher Zeugnis ablegen. So zum Beispiel ein Becherpaar mit den von einem Gerstenkranz gerahmten Namen »Sophie« und »Karl«, in das nicht nur Ornamente, sondern auch die Jahreszahl 1919 sorgfältig ins mundgeblasene Kristallglas eingraviert sind: ein Paar, das den Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg, sein Überleben feierte? Gefunden wurden die Gläser im Warndt, in der Nähe des ehemaligen Glashüttenstandortes Fenne, mitten im deutsch-französischen Grenzland auf der Frankreich zugewandten Seite der Saar. Die beiden Becher tragen keine Herkunftsbezeichnung, wurden sie in Deutschland oder Frankreich gefertigt? Waren Sophie und Karl Franzosen oder Deutsche? Oder gar beides? Das ist es aber nicht, was zählt, sondern die Fragen, die zum Beispiel alleine die Jahreszahl in Verbindung mit dem Fundort aufwirft, etwa in Bezug auf die Bedingungen, die die politische Realität der Alltagskultur diktiert hat.

Verortung

Die Becher stammen aus einem bergbaugeschädigten Haus in Saarbrücken-Klarenthal, einem Nachbarort von Völklingen-Fenne. Bei der Gründung 1812 gehörte Fenne zum Département de la Sarre. Der damals zuständige Landesherr war der französische Kaiser Napoleon, der die Erlaubnis zum Betreiben der Glashütte erteilte. Napoleon war es auch, der ein paar Kilometer weiter die erste École Impériale des Mines in einem ehemaligen Eisenwerk in Geislautern im Warndt einrichten ließ. Hier entstand der Duhamel-Atlas (Saar-Kohle-Atlas), ein geologisches Werk, auf dessen Grundlage die systematische Ausbeutung der Kohlengruben vor Ort vorangetrieben werden sollte. (Nach Napoleons Untergang gehörten die Glashütten und die Kohlengruben bis 1871 zu Preußen und bis 1918 schließlich zum Deutschen Reich.) Die Fenner Glasöfen wurden von Anfang an statt mit Koks mit Holzkohle befeuert. Die Konkurrenz zu den zahlreich vorhandenen Hohl- oder Tafelglashütten hatte im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Spezialisierung auf (halbautomatisch) gepresstes Glas für den Haushalt geführt. Das Savoir-faire lieferten zu Beginn Glasmacherfamilien aus den Vogesen. Vor dem Ersten Weltkrieg produzierte die Fenner Glashütte ca. drei Millionen Kilogramm Hohl- und Pressglas pro Jahr. Nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Referendum von 1935 stand das Saargebiet schließlich unter der Vorherrschaft des Völkerbundes und bildete eine Wirtschafts- und Zollunion mit Frankreich. Nach dem Referendum von 1935, das zum Wiederanschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich führte, ging die Fenner Glashütte in den Besitz des saarländischen Stahlbarons und deutschen Wehrwirtschaftsführers Hermann Röchling über. Dieser legte die Pressglashütte mit Kriegsausbruch 1939 still. Den etwa 500 Beschäftigten wurde nahegelegt, ihre Arbeit im benachbarten Eisenhüttenwerk wieder aufzunehmen, darunter zahlreiche hervorragende Formenbauer, die auch in der Eisenindustrie gefragt waren. Damit endet die Geschichte dieser erfolgreichen deutsch-französischen Glashütte abrupt (während die des Saarlandes bis 1959 weiterhin turbulent geblieben ist).
Die Nachfahren der Glasmacher haben dieses Ende als ›feindliche Übernahme‹ in Erinnerung und bis heute nicht vergessen, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – das ehemalige Glasmacherland von der Schwerindustrie bis zur Unkenntlichkeit überlagert worden ist. Seit 2009 sind der Warndt und in diesem Gebiet Fenne ein Kernstück des deutsch-französischen Eurodistricte SaarMoselle. Aber leider scheint dieser, und wie könnte es angesichts der Unterbewertung von Kulturgut jenseits von Kohle und Eisen anders sein, immer noch Mühe zu haben, in seiner komplexen deutsch-französisch-europäischen Vergangenheit und den sich daraus ergebenden Lebenswirklichkeiten nicht nur eine Besonderheit, sondern auch einen Wert an sich zu entdecken.

Investitionen

Wer würde sich für eine derart schwierige, da verwickelte Geschichtsschreibung mit allen ihren nationalen, regionalen, internationalen Exkursen und Verflechtungen, dazu noch angereichert mit allerlei nicht direkt fassbaren ›unbedeutenden‹ Figuren in der Art einer ›Sophie‹ oder eines ›Karls‹ – deren Namen für Tausende andere stehen – zuständig fühlen bzw. in diese investieren wollen? Dass es bei der Aufarbeitung der Vergangenheit große Unterschiede gibt, wird schnell deutlich. An die Lebenswirklichkeit der Glasmacher in der Region SaarMoselle erinnert heute lediglich ein kleines, privates Glas- und Heimatmuseum in Ludweiler im Warndt, dessen Zukunft ungewiss ist und das sich in erster Linie privatem Engagement verdankt. Die alte Hochofenanlage der Röchlingschen Eisenwerke in Völklingen hingegen ist seit 1994 UNESCO-Welterbestätte. Und nicht nur das: Neben dem Eisen hat seit 2012 auch die Kohle ihren Platz in der Reihe der UNESCO-Welterbestätten, und zwar in Wallonien; und das ausgerechnet in einer Region, in der man auf das weltweit vielleicht reichste Erbe aus der Zeit der Glasproduktion zurückschauen könnte. An der Saar hingegen ist man anscheinend für jeden Strukturwandel offen: Ende 2014 scheint festzustehen, dass in den baulichen Resten der ehemaligen Glashütte in Fenne bald das zweite Großbordell seine Pforten nach Frankreich hin öffnen wird (vgl. Geber 2013).

Verrier lorrain: Gallé

Repräsentieren Fenne und Karl und Sophie exemplarisch ein Stück Alltagskultur der Großregion, so lässt sich an der Person Émile Gallés und dem Ort Meisenthal eine weitere Grenzland-Episode festmachen. Meisenthal liegt im Pays de Bitche, heute Communauté de Communes du Verre et du Cristal. Seit 1978 betreibt hier ein privater Verein mit staatlicher Hilfe das Musée du Verre et du Cristal, das an die 1969 geschlossene Glashütte als Wiege des französischen Jugendstilglases erinnert. In Meisenthal wird außerdem, unter anderem mit Unterstützung der EU, seit 1992 wieder Glas entworfen und in geringen Mengen gefertigt. Im Centre International d’Art Verrier (CIAV) entstehen in Zusammenarbeit mit Künstlern, Designern und Studenten aus Europa und Glasmachern aus der Region Unikate, kleine Editionen (vgl. Burkhardt 1995). Dabei sieht man sich in der Nachfolge des berühmten Künstlers aus dem französischen Nancy (Lothringen, Departement Meurthe-et-Moselle).

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Gallé war eine spannende Figur, nicht nur als Künstler, sondern auch als Unternehmer, als Patriot und Kosmopolit, Europäer und Grenzgänger. Schon als junger Mann gewann Émile Gallé in der Glashütte der Firma Burgun & Schverer in Meisenthal, von der sein Vater – ein Glas-, Keramik- und Möbelgroßhändler – Glasrohlinge bezog, Einblicke in die Glasproduktion. In Kooperation mit den Glasmachern entwickelte er eine Produktlinie, mit der er unter anderem auf der Weltausstellung von 1889 in Paris das Publikum überraschte: die Verrerie d’Art (›Kunstglas‹).
Zur Vermarktung gehörte auch die Selbstdarstellung Gallés als verrier lorrain, als lothringischer Glasmacher. Das war politisch durchaus heikel, denn seine neuartigen Produkte im Stil des Art nouveau (›Jugendstil‹) entstanden zwar im bon pays de Lorraine (vgl. Marx 1901), aber dennoch in Feindesland: Seit 1871 gehörte Meisenthal nämlich zum Deutschen Reich und Nancy war französische Grenzstadt. Trotz – oder wegen – der exponierten Lage war sie um 1900 nach Paris das bedeutendste Zentrum der französischen Kunstindustrie. Sah die französische Avantgarde in Gallé den lothringischen Patrioten, so fühlten sich die Deutschen dem Idealisten und Regionalisten Gallé verwandt. Dieser beherrschte die Grenzland-Dialektik wie wohl kein Zweiter und reicherte seine Kunstobjekte mit symbolisch aufgeladenen Motiven wie dem lothringischen Doppelkreuz oder der Distel von Nancy kombiniert mit Darstellungen aus der
heimischen Flora und Fauna an. Gallés Verrerie d’Art schmückt nicht erst seit heute die berühmtesten privaten und öffentlichen Kunstsammlungen weltweit, wo sie ihrem Entstehungskontext ähnlich entrissen sind wie das Becherpaar aus Fenne.

Patrimoine

Das Modell Gallé wäre ohne die über viele Generationen gewachsene, grenzübergreifende Infrastruktur kaum denkbar gewesen. Vom Bitscher Land aus erschlossen sich Verbindungen in die ganze Großregion, v. a. auch nach Wallonien, wo sich am Ende des 19. Jahrhunderts die größte Kristallglasmanufaktur in Val Saint Lambert mit etwa 4 000 Beschäftigten befand, die damals im genre Gallé arbeiteten. In diesen Manufakturen wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts neue Fertigungsmethoden entwickelt, die bis heute Gültigkeit haben, auch wenn die Trendsetter von einst heute museale Betriebe und Hüter eines Patrimoine, eines bedrohten Savoir-faire sind, das es für die wissenschaftliche Forschung zu entdecken und in Wert zu setzen gilt, bevor es zu spät ist. So ist in Baccarat und in Saint-Louis-lès-Bitche in Lothringen das Leben bis heute rund um die Fabrik und die Glasproduktion organisiert. In der dritten wichtigen Kristallerie, der Val Saint Lambert in Wallonien, war dies bis zur Insolvenz 2013 ebenso.
In Lothringen wie in Wallonien sind gerade diese Kristallerien immer noch ein wichtiger, wenn auch unterschätzter, Identitätsfaktor – ein Anknüpfungspunkt für viele, auch jene Familien und ihre Erben, die ihre Kristallglasservices seit Generationen weitergeben und hüten, in- und außerhalb der Großregion.

Génie du travail

Deutlich wurde bei den Recherchen in den Kristallerien und Glasfabriken aber auch, dass es nicht ausreicht, ein, zwei Glasmachern von einer Art Schaubühne aus bei der Arbeit zuzuschauen, wie das in manchen Glashütten angeboten wird. Um zu verstehen und zu schätzen, was hier stattfindet, ist es notwendig, den Gesamtkontext mit allen Sinnen zu erfahren – Abläufe, Stimmung, verschiedene Perspektiven, Hitze, Kälte usw. Hier geht es darum, das »génie du travail« zu erfassen, wie es Yvette Sontag, die jahrzehntelang in der Kristallerie in Saint-Louis (Haut-Rhin) beschäftigt war, auf einen Nenner bringt – solange dies noch möglich ist (vgl. Funk/Holthaus 2010: 33). Die Produkte der Kristallerien sind zwar immer noch begehrte Exportartikel, in Europa selbst repräsentiert diese Luxusware jedoch eine längst vergangene Lebens- und Arbeitswelt. Die Bedürfnisse der Käufer haben sich verändert, sie sind zu Verbrauchern geworden. In der Diskussion um das Ideal der Nachhaltigkeit und die möglichen Bedeutungen dieses Begriffes könnte das Modell der Kristallerien jedoch erneut eine interessante Rolle spielen. Vielleicht werden ja eines Tages aus achtlosen Konsumenten reflektierte Käufer, die langlebige Produkte – ihre ideellen und emotionalen Qualitäten – zu schätzen wissen.
Natürlich ist auch in den Manufakturen die Zeit nicht stehen geblieben, das Glasmachen ist keine Männerdomäne mehr und die Arbeitsbedingungen entsprechen den Vorschriften des 21. Jahrhunderts. Während die beiden alten Kristallerien in Saint-Louis-lès-Bitche und Baccarat heute prestigieuses Aushängeschild großer Konzerne wie Hermès International sind, wird das ›große Geld‹ anderswo verdient, zum Beispiel mit automatisch gefertigtem Glas für die Autoindustrie und das Bauwesen. Aber selbst hier kommt man ohne ein Quäntchen Savoir-faire vor Ort, an der Maschine, nicht aus, und es ist noch die Frage, ob der Erfolg der heutigen Industriebetriebe, die vermutlich mehr Glas denn je in der Großregion produzieren und in alle Welt exportieren, auch ohne die jahrhundertealte Infrastruktur denkbar wäre.

Sichtbar machen

Es ist kaum möglich, die (Zusammen-)Arbeit der Glasmacher auf die Schnelle optisch zu erfassen und an Außenstehende zu vermitteln und jenseits der Faszination, die v. a. mit dem Glasblasen einhergeht, visuell das herauszuarbeiten, was die ›Seele im Glas‹, das Menschliche und gleichzeitig das Geniale, die zeitlose Gültigkeit dieses Handwerks, ausmacht. Man sieht nur, was man weiß. Und da man im Allgemeinen eine besondere Erlaubnis benötigt, um Glasfabriken zu betreten, und weil man dort aus guten Gründen nur in Ausnahmefällen recherchieren und fotografieren darf, braucht es seine Zeit, um die für eine umfassende Dokumentation notwendigen Kenntnisse zu erwerben. In diesem Zusammenhang spielt die Dokumentarfotografie, historisch und aktuell, eine besondere Rolle bei der Erfassung, der Darstellung und visuellen Vermittlung der bislang kaum erforschten Lebenswirklichkeiten der Glasmacher. Besonders deutlich wurde diese Aufgabe in einer Ausstellung der Kulturhauptstadt Ruhr. 2010, die sich diesem Thema – anders als Luxemburg und Großregion – Kultur- hauptstadt Europas 2007 – widmete (vgl. Funk/Holthaus: 2010). Gezeigt wurden hier u. a. gemeinsam mit dem Kunstprojekt die arge lola erstmals aufgenommene Fotoserien aus den ältesten Kristallerien in der Großregion.

Savoir­faire

In den mindestens siebenköpfigen Teams der Glasmacher, den équipes, hatte – und hat auch heute noch – jeder seine Aufgabe. Unter den wachsamen Augen des chef de place, des Meisters, arbeiten die hoch spezialisierten Glasmacher beim Blasen und Formen des dem Ofen entnommenen, glühend heißen Rohmaterials Hand in Hand. Die handwerkliche Qualifikation über die Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation ist die Voraussetzung für den Umgang mit dem Rohmaterial: Dazu gehören die präzisen, aufeinander abgestimmten Bewegungen ebenso wie das über viele Jahre entwickelte Gespür für das Material und das richtige timing. Der chef de place koordiniert dieses Glasmacherballett, um am Ende einer Schicht möglichst viele identische Produkte von gleichbleibend hoher Qualität zu erhalten: durchscheinende Kristallglasobjekte (Stielgläser, Karaffen, Vasen etc). Die Qualitätsprüfung am Ende dieses Prozesses übernimmt meistens eine Frau. Sie entscheidet, ob das Glas z. B. durch eine Gravur oder Malerei weiter veredelt oder auch, falls nicht für gut genug befunden, aussortiert und wieder eingeschmolzen wird.
Ob Glasbläser oder Glasschleifer, alle müssen bereit sein, sich ständig zu verbessern, und das auch wollen: »Il faut tout le savoir-faire, il faut le vouloir« (eigenes Interview [2006] mit einem zum meilleur ouvrier ausgezeichneten Glasschleifer in Baccarat). Damit der Anreiz zur Weiterentwicklung bleibt, gibt es in Frankreich den in den 1920er-Jahren eingeführten staatlichen Wettbewerb um den Titel des Meilleur ouvrier de France (abgekürzt: MOF). Die Gewinner werden als beste Kunsthandwerker Frankreichs im Elysee-Palast in Paris vom Präsidenten der Republik ausgezeichnet, da sie für das Fortbestehen eines besonderen[,] durch Erfahrung gewonnenen Kulturerbes als eine der Grundlagen von Handwerk, Industrie und Dienstleistung [sorgen]. Als Savoir­faire ist dieses vom Image unseres Landes nicht zu trennen, es unterscheidet französische Produkte von jenen anderer Herkunft und bedeutet einen Wettbewerbsvorteil, […] eine gute Grundlage auch für Innovationen. (Jean­Pierre Boisivon anlässlich der Verleihung der Urkunden am 13. März 2001 in Paris; Übers. d. Verf.)

Die in den Kristallglashütten Lothringens beschäftigten Glasmacher stellen den größten Anteil unter den französischen MOF. Für sie bedeutet diese Auszeichnung satisfaction personelle, persönliche Genugtuung; eine Gehaltserhöhung bringt sie nicht mit sich. Ihr Fazit: »Handwerker müssen viel Erfahrung haben, man kann das Handwerk nur lernen, wenn man damit aufwächst, Theorie nutzt nicht viel; was verloren ist, kann man nicht wieder aufbauen.« Glasmacher verwenden gerne bestimmte Begriffskombinationen aus deutschen und französischen Wörtern, sie wechseln nicht selten im Gespräch vom Französischen zum Deutschen, zum Platt oder im Norden zum Flämischen. Das zumindest wurde in den zwischen 2006 und 2010 geführten Interviews ersichtlich. Es wurde aber auch deutlich, dass Glasmacher konservativ sind und ihrem Handwerk treu bleiben, auch wenn sich Bühne und Publikum ändern. Die Glasmacher selbst sind es, die ihre Kunst am Leben erhalten, elitär und volkstümlich, bescheiden und stolz zugleich, es ist die »Ficelle vom Handwerk«, der Rhythmus der Tradition, die sie am Leben halten möchten.

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Communauté culturelle – kulturelle Gemeinschaft

Würde man überall in der Großregion wie eine équipe von Glasmachern – elegant, leicht, selbstverständlich und präzise – zusammenarbeiten, könnte man so stolz auf die erzielten Ergebnisse wie ein MOF sein und sich wie dieser gleichzeitig bescheiden in die Gemeinschaft einreihen, hinter das gemeinsam geschaffene Produkt stellen. Dann müssten sich diejenigen, die die Großregion als politisch-administrativen Oberbegriff für eine bestimmte Lebenswirklichkeit anerkennen und vertreten, nicht ständig infrage stellen oder gar zur Rechtfertigung gezwungen sehen. Denn nicht von ungefähr ist die Großregion eine Art Konzentrat Europas. Und in diesem Zusammenhang werden dann auch die Glasmachergemeinden als ein überaus interessantes Beispiel europäischer Lebenswirklichkeit sichtbar, nämlich als eine »réelle communauté d’idées et d’aspirations qui a toujours existé entre les nations à des degrés divers et qui a été étouffée par les passions suscitées et exploitées«, wie sie Robert Schuman (1963: 40), einer der Väter des modernen Europa, gefordert hat.

Werkbank

Der französische Denkmalpfleger und Architekt Didier Repellin beschreibt diese Schaffensgemeinschaft sehr schön als »berceau«, als Wiege Europas:

Et même si, au cours des siècles, on ne parlait pas dans ce berceau les mêmes dialectes ni les mêmes langues, les échanges sur les savoir­faire et les talents de chacun compensaient. […] Les outils […] deviennent un moyen de communication entre les êtres. L’échange ouvert, permanent des savoir­faire, des artistes et des artisans, a permis de les vérifier, de les enrichir, de les stimuler et d’assurer un renouvellement permanent de l’expression culturelle humaine. Cela constitue un vrai patrimoine vivant, original, qui demeure une leçon pour notre époque. Durant des siècles les savoir­faire humains ont permis de franchir les barrières des langues par des échanges qui mettent en valeur l’homme et ses dons. Cela constituait une »concurrence« stimulante et motivante … un exemple à suivre pour le patrimoine de l’humanité … Ces savoir­faire de l’humanité dans des berceaux comme la Grande Région sont modernes dans l’efficacité de leurs échanges … du développement durable avant la lettre ! (Repellin 2013: 67)

Mit Christian Wille (2013) stimme ich darin überein, dass es viele ›Großregionen‹ gibt, entsprechend dem Standpunkt desjenigen, der sie sich erschließt. Alle sind gleichermaßen legitim. Es geht jedoch darum, sie zu erfassen und miteinander zu verbinden, das Gemeinsame festzustellen. Dazu gehört die dauerhafte Entwicklung der Zusammenarbeit und des Austauschs über alle fachlichen und nationalen Grenzen hinweg, wie sie der frühe SaarLorLuxer (vgl. Gengler 2007) Robert Schuman gefordert und Émile Gallé – Mitbegründer der Liga der Menschenrechte – aktiv betrieben hat, die Vereinigung von Wissen und Machen zur communauté culturelle der Großregion Saarland-Lothringen-Luxemburg-Rheinland-Pfalz-Wallonien als Werkbank Europas.

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Das Handwerk der Glasmacher, ihr spezifisches Savoir-faire, wie es die französische Sprache viel besser ausdrückt, ist die Summe des gemeinsamen, über Generationen hinweg tradierten Tuns einer Schaffensgemeinschaft, die sich sprachlich über Begriffe wie génie du travail, équipe, Intuition, Passion, Perfektion, Handwerk, Tradition usw. definiert. Grenzenlos anonym ist dieses Handwerk, zeitlos die Formensprache; Ziel ist es, den Qualitätsanspruch mit der Schaffung jedes neuen Glasobjektes am Leben zu erhalten, wider allen schnelllebigen Zeitgeist. Auch das ist eine der besonderen Leistungen dieser Grenzgänger zwischen Zeit und Raum. Darin liegt schließlich das Exemplarische der Glasindustrie für die Großregion und Europa: nämlich als Sinnbild einer Gemeinschaft zu funktionieren, deren grenzübergreifende Zusammengehörigkeit über Jahrhunderte hinweg trotz der politischen Wirren bestehen blieb und dabei nie wirklich verloren ging. Die Glasindustrie eignet sich somit als Leitbild für eine künftig sich ihrer selbst bewussten europäische Großregion/Grande Région als communauté culturelle, die sich über kulturelle Grenzen hinweg der Zusammengehörigkeit bewusst ist und die diese lebt, behauptet und verteidigt. Von ihr könnte die Politik, wie es scheint, so einiges in puncto Austausch, Zusammenarbeit und dauerhaftem Engagement, ja sogar Leidenschaft für die Sache lernen. Umgekehrt wäre es an der Zeit, dass Kulturgemeinschaften wie diese das Wort ergreifen und sich in den politischen Diskurs einmischen, um ihn mit ihren Erfahrungen und Vorstellungen für die Zukunft zu bereichern.

Postskriptum (13. Dezember 2014)

Um eine Handvoll Leser dazuzugewinnen und in einen konstruktiveren Austausch zu treten, als das bislang der Fall gewesen ist, würde ich mir wünschen, dass mein Text übertragen wird in möglichst viele andere Sprachen, darunter auch das Chinesische, und dass er so immer wieder in Zusammenarbeit mit dem Gegenüber, dem Übersetzer, verfeinert, nuanciert und geändert, aktualisiert werden kann, um im Idealfall schließlich eine gemeinsame Aussage zu treffen über das, was der Begriff einer communauté culturelle im 21. Jahrhundert beinhaltet.

Mein besonderer Dank gilt der arge lola, hier v. a. Kai Loges, der die Forschungsarbeiten zu Glas und Kristall zu seiner Sache gemacht und mich über viele Jahre hinweg an die Orte des Geschehens begleitet hat, seinerseits ein Meister, eine Art MOF seines Metiers. Oft genug haben wir uns dem Vorwurf stellen müssen, es sei doch Liebhaberei, was wir da machen. Auch das haben wir mit den Glasmachern gemeinsam. Tausend Dank also an das ›Publikum‹, in diesem Falle an Christian Wille und Sylvie Grimm-Hamen, die jeder auf seine/ihre Art das Handwerk des Lesens und Kommentierens wie kaum ein anderer/eine andere beherrschen, sowie an Maria und Burkhardt Valentin, die Initiatoren des Glasmuseums in Ludweiler. Für sie alle habe ich diesen Text immer wieder neu geschrieben.

Literatur

Burkhardt, François (Hg.; 1995): Reflexions: Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal. Ausstellungskatalog Regionalgeschichtliches Museum. Saarbrücken.
Funk, Michael/Holthaus, Katrin (2010): Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen. Glashüttenarbeiter in der Fotografie: Helden? Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim, Essen.
Geber, Bernhard (2013): Anwohner sammeln Unterschriften gegen geplantes Bordell in Fenne, Saarbrücker Zeitung, http://www.saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/Fenne-Prostitution;art27856,5020961 [Stand: 30.04.2015].
Gengler, Claude (2007): Es gibt ihn, den SaarLorLuxer, eindeutig! In: Eva Mendgen/Hervé Doucet/Volker Hildisch (Hg.): Im Reich der Mitte/Le berceau de la civilisation européenne: Savoir-faire, Savoir-vivre. Konstanz/Saarbrücken: Hartung-Gorre, S. 67–74.
Glaser, Harald/Mendgen, Eva (2005): Ein untergegangener Industriezweig und seine Denkmäler. Argumente für eine Glasstraße Saarland-Lothringen. In: Eckstein. Journal für Geschichte (11), S. 26–47.
Helfer, Malte (2013): Aufschwung und Niedergang des Steinkohlebergbaus in der Großregion – Essor et déclin de l’industrie houillère en Grande Région. In: Eva Mendgen (Hg.): Au Centre de l’Europe – Im Reich der Mitte 2. Des liens et des lieux/Kulturgemeinschaft Großregion – Grande Région. Konstanz/Saarbrücken: Hartung-Gorre, S. 69–76.
Marx, Roger (1901): La décoration et les industries d’art à l’Exposition de 1900. In: Gazette des Beaux-Arts 25.
Mendgen, Eva (1996): »Meisenthal – eine Kunstglashütte«. In: Hochschule der Bildenden Künste Saar (Hg.): Reflexionen: Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal. Ausstellungskatalog Regionalgeschichtliches Museum Saarbrücken. Saarbrücken, S. 34–43.
Mendgen, Eva (2001): Cette Belle Industrie. In: Peter Nest (Hg.): Glas und Ton für Kunst und Lohn. Gersweiler-Ottenhausen: Heimatkundlicher Verein Gersweiler, S. 273–284.
Mendgen, Eva (2009): Glas und Kristall in der Großregion. In: Michel Pauly/Malte Helfer (Hg.): GR-Atlas – Digitaler multidisziplinärer Atlas für Luxemburg und die Großregion (2008), http://gr-atlas.uni.lu/index.php/de/articles/wi55/gl103 [Stand: 30.04.2015].
Repellin, Didier (2013): Berceau de la Grande Région. In: Eva Mendgen (Hg.): Au Centre de l’Europe – Im Reich der Mitte 2. Des liens et des lieux/Kulturgemeinschaft Großregion – Grande Région. Konstanz/Saarbrücken: Hartung-Gorre, S. 67.
Schuman, Robert (1963a) : Pour l’Europe, Paris: Les éditions Nagel.
Schuman, Robert (1963b): Für Europa, Hamburg/Genf/Paris: Nagel-Verlag.
Schmoll gen. Eisenwerth, Josef A./Schmoll gen. Eisenwerth, Helga (1980): Nancy 1900. Jugendstil in Lothringen – Zwischen Historismus und Art déco. Hg. vom Münchener Stadtmuseum, Mainz/Murnau: Verlag Philipp von Zabern.
Wille, Christian (2013): Raumdeutungen/Espaces revisités. In: Eva Mendgen (Hg.): Au Centre de l’Europe – Im Reich der Mitte 2. Des liens et des lieux/Kulturgemeinschaft Großregion – Grande Région. Konstanz/Saarbrücken: Hartung-Gorre, S. 27–30.
Wille, Christian (2014): Räume der Grenze. Eine praxistheoretische Perspektive in den kulturwissenschaftlichen Border Studies. In: Friederike Elias/Albrecht Franz/Henning Murmann/Ulrich Wilhelm Weiser (Hg.): Praxeologie. Beiträge zur interdisziplinären Reichweite praxistheoretischer Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Berlin: De Gruyter (= Materiale Textkulturen 3), S. 53–72.