… construire quelque chose de bon, trotz allen Schwierigkeiten

Vorab, Anm. der Redaktion

Wenn etwas untrennbar mit den Ursprüngen, der Geschichte der EU verbunden ist, dann das Saarbrücker Botschaftsgebäude (1950-1955).
Seine Rezeption zeigt, was es bedeutet, mitten in Europa zu leben – und gleichzeitig am Rand des Eigenen, am Rand des Anderen.
Nicht von ungefähr schrieb Martin Graff, Vagabond des frontières, das Saarland sei le Bermudadreieck des relations franco-allemandes

Univers SaarMoselle, Claude Wall

Überall in der Welt sind es Orte, die vor dem inneren Auge auftauchen, wenn von historischen Ereignissen die Rede ist, nur hier nicht. Das muß sich ändern.

In diesem Sinne argumentiert auch Marie Greget für den Erhalt und die Inwertsetzung der Anlage. Sie vertritt die Sicht der Architekturstudentin und der Europäerin, touchée par les questions toujours plus actuelles et malheureusement viciées sur l’identité et la nationalité.

Groß/Grande Region, Grafik Thomas Ultes

Maries Überlegungen gehen auf ein Atelier der École nationale supérieure d’Architecture Nancy zurück. Obwohl schon 2013/2014 zu Papier gebracht, sind sie heute aktueller denn je.

Ich habe sie durch einige Beobachtungen von Matthias Bruhn ergänzt, die pünktlich zum Europa-Tag am 9. Mai 2022 bei mir eingetroffen sind.

Vielen Dank /un grand merci für eure Mühe!

Eva Mendgen

Marie, tu as la parole…

…De l’autre côté du fleuve défiguré se trouve l’ancienne ambassade de France, dessinée après une période de guerre qui laissa l’Allemagne humiliée et désunie. Le bâtiment de Georges-Henri Pingusson – Architectes associés – Architektengemeinschaft Pingusson-Schultheis-Baur – a subi de plein fouet les conséquences de la construction de l’autoroute. Alors qu’il fonctionnait comme un élément qui s’ouvrait et se refermait, il ne fonctionne désormais plus que sur lui-même, refermé par d’autres barrières (l’autoroute, les grilles et murs enclosant les cours). L’ambassade devait au contraire s’ouvrir sur les berges du fleuve.

 

Pingusson, gezeichnet nach einer historischen Fotovorlage von Alain Poncelet 2021

…Auf der anderen Seite des entstellten Flusses befindet sich die ehemalige Botschaft, die nach einem Krieg entworfen wurde, der Deutschland erniedrigt und entzweit zurück gelassen hat. Das Gebäude von Georges-Henri Pingusson – Architektengemeinschaft Pingusson-Schultheis-Baur – war den Konsequenzen, die der Bau der Autobahn nach 1960 mit sich brachte, mit voller Wucht ausgesetzt. Bis dahin funktionierte es wie ein Element, das sich gleichzeitig öffnet und schließt. Aber jetzt kann es, abgeriegelt wie es ist, seine Wirkung nicht mehr entfalten.


Matthias Bruhn: „…Saarbrücken wird nicht nur durch den namensgebenden Fluss, sondern auch durch eine Stadtautobahn geteilt, die den Traum einer autogerechten Stadt, die zügig durchfahren werden will, dauerhaft in Asphalt gegossen hat. Wer auf dieser Strecke von Westen her kommt, kann auf Höhe des Stadtzentrums hinter einigen niedrigen Bäumen einen weißen Block erkennen, der sich wie eine Wand von der Straße abzuwenden scheint…“

 

Bürogebäude mit später hinzugekommenem Autobahnzubringer (Westspangenbrücke), Zustand 2013, Foto: die arge lola / regiofactum

 

Das schlanke Bürohochhaus „dient“ heute als „Lärmschutzmauer“, die abgeschnittenen Eingänge signalisieren Verschlossenheit.

Le haut et fin bâtiment de bureau sert aujourd’hui de „mur antibruit“, les accès renvoient aux Sarrebruckois une image d’une institution renfermée, qui ne veut pas d’eux.

 

Blick vom Ehrenhof auf die Autobahn, Studentenworkshop 2014

Le fait que l’ancien ministère soit en ce moment abandonné à son sort (et aux graffitis) parle de lui-même. En plus de l’abandon d’un bâtiment aux qualités architecturales certaines, c’est aussi l’abandon d’un symbole de notre histoire européenne qui me désole.

Die Tatsache, dass das Gebäude seit dem Auszug des Ministeriums leer steht und seinem Schicksal – u.a. den Graffitis – überlassen wird, spricht für sich. Über den Verzicht auf dieses Denkmal mit seinen unbestreitbaren architektonischen Qualitäten bin ich ebenso untröstlich wie über den Verzicht auf ein Symbol unserer europäischen Geschichte.

Matthias Bruhn: „Es ist nicht dem Gebäude anzulasten, dass ihm die zukunftsfrohe Ausrichtung nach Süden und Richtung Frankreich genommen wurde. Als das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg unter französischer Verwaltung stand und in Richtung Süden weiterentwickelt werden sollte, hätte es den Ausgangspunkt einer neuen europäischen Einigung markieren können. Offensichtlich aber wurde der Bau einer großzügigen Botschaft als Versuch aufgefasst, ein durch Frankreich anerkanntes Territorium zu definieren, und daher nicht als Forum einer Südstadt weiterentwickelt, sondern per Autobahnbau abgeschottet…“

 

 

Ehrenhof/Cour d’honneur, Zustand 2021, Foto: die arge lola / regiofactum

Originaire de Strasbourg, je vis dans une région où la frontière est en permanence dans l’actualité économique, politique, mais que nous portons d’abord en nous-mêmes : dans nos voix, dans nos paysages, dans nos assiettes – dans notre culture.

Ich komme aus Straßburg, lebe in einer Region, wo die Grenze fester Bestandteil der Wirtschaft, der Politik ist. Wir tragen sie in uns selbst, sie kehrt im Klang unserer Sprache wieder, in unseren Landschaften, in unseren Speisen – sie gehört zu unserer Kultur.

Cette histoire franco-allemande n’est pas un poids facile à porter pour tous :
ma grand-mère a vécu son enfance pendant la guerre, et reste marquée à jamais par l’occupation allemande, par l’interdiction de parler français et alsacien, par l’enrôlement forcé – mais heureusement bref – de celui qui serait mon grand-père.

Höckerlinie, Westwall, am 8. Mai von Alexander Dony im Niemandsland zwischen Saarbrücken und den Hauteurs de Spicheren fotografiert. Merci!

Diese deutsch-französische Geschichte ist kein leichtes Erbe:
Meine Großmutter hat ihre Kindheit in den Kriegsjahren verbracht, sie ist für immer von der deutschen Besatzung gezeichnet, vom Verbot sowohl Französisch als auch Elsässisch zu sprechen und natürlich auch von der Zwangsrekrutierung des Mannes, der später mein Großvater werden sollte.

Goethe-Denkmal, Universität Straßburg (Neustadt)

Mon enthousiasme au retour de mon année Erasmus à Hambourg a été étrangement vécu par ma grand-mère et même ma mère – notamment mon envie d’y retourner. Cependant, j’ai eu la chance de vivre mon enfance dans une capitale européenne, où une simple passerelle permet de choisir de changer de pays pour aller pique-niquer au parc, où toutes les classes scolaires vont visiter le Parlement Européen, où les aménagements effectuée par les Prussiens entre 1871 et la Première Guerre Mondiale ont considérablement amélioré la qualité de vie et le prestige de Strasbourg.

Strasbourg est française et incroyablement germanophile.

Meine Begeisterung nach meinem Erasmus-Jahr in Hamburg hat bei meiner Großmutter und sogar meiner Mutter seltsame Ängste hervorgerufen – ganz besonders mein Wunsch, dorthin zurückzukehren. Ich habe das Glück gehabt, meine Kindheit in einer der Hauptstädte Europas zu verbringen, wo man einfach eine Brücke überquert, um dann im anderen Land ein Picknick im Park zu machen und wo alle Schulklassen das Europa-Parlament besuchen und wo schließlich die städtebaulichen Pläne der Preussen nach der Annexion 1871 bis zum Ersten Weltkrieg die Lebensqualität und das Ansehen von Straßburg beträchtlich verbessert haben.

Straßburg ist französisch und gleichzeitig unglaublich germanophil.

Je fais partie d’une catégorie de jeunes qui a le sentiment profond d’être Européenne en tant que nationalité, et d’avoir droit à l’Europe en tant que trésor de culture et d’opportunités de rencontres, de travail, c’est-à-dire de futur.

Ich gehöre zu einer Gruppe von jungen Menschen, für die ihre Nationalität und die tiefe Verbundenheit mit Europa zusammengehören. Für uns ist Europa wie eine Schatztruhe, wir haben das Recht, die Kultur gemeinsam zu erleben, wir haben Gelegenheiten zum persönlichen Austausch und können überall arbeiten. Kurz gesagt, Europa bedeutet für uns, Zukunft zu haben.

Zimmer das Botschafters mit Blick auf den Park, Zustand 2013. Foto: die arge lola / regiofactum

Le potentiel de ce bâtiment me paraît, à moi jeune étudiante en architecture germanophile, un symbole immense de notre histoire commune et de notre capacité à surpasser le mauvais (la guerre, la douleur, l’humiliation, la rivalité) pour construire quelque chose de bon, malgré toutes nos difficultés.

Das Saarbrücker Botschaftsgebäude erscheint mir, der jungen germanophilen Architekturstudentin, als ein unglaublich wichtiges Symbol unserer gemeinsamen Geschichte, das an unsere Fähigkeit erinnert, das Schreckliche zu überwinden – den Krieg, den Schmerz, die Erniedrigung, die Rivalität -, um etwas Gutes zusammen zu machen, trotz aller Probleme.

Reception, Zustand 2013, Foto: die arge lola / regiofactum

Beaucoup de personnes, jeunes comme moins jeunes, perdent toute confiance en l’Union Européenne.
Comment ne pas le comprendre lorsque l’on habite, par exemple, au milieu de la France, sans opportunité ou envie de voyager hors des frontières ?

Viele Menschen, junge und weniger junge, verlieren das Vertrauen in die Europäische Union. Aber wie kann man sie nicht verstehen, wenn sie, zum Beispiel mitten in Frankreich leben, ohne Gelegenheit und Lust zu reisen und Grenzen zu überqueren?

Si Saarbrücken et le Saarland refusent de considérer le potentiel symbolique, urbain et social de l’ancienne ambassade de France de Pingusson et ses associés sarrois, alors c’est aux individus qui y croient encore d’ouvrir les yeux des habitants, des touristes, des passants sur cet élément de leur ville.

Leuchter, Eingangshalle, Zustand 2013, Foto: die arge lola / regiofactum

Wenn Saarbrücken und das Saarland nicht begreifen, was für ein Potential – als Symbol für Europa, aber auch für Städtebau und Kultur – in dem als Botschaft geplanten Gebäude von Pingusson und der französisisch-saarländischen Architektengemeinsschaft schlummert, dann ist es am Einzelnen, daran zu glauben und den Einwohnern, Touristen und Passanten die Augen zu öffnen.

Matthias Bruhn: „…Während heute in einer Stadt wie Straßburg ein europäisches Parlament tagt und ein zweisprachiger Fernsehsender europaweit ausstrahlt, hat sich Saarbrücken in der weiteren Folge wieder hinter die Saar zurückgezogen. Politikerinnen können derzeit auch die Frage stellen, ob es das Saarland als Einheit überhaupt noch braucht. Es wäre daher kein gutes Zeichen, wenn der leere Bau, der eigentlich eine neue Brücke über Landesgrenzen hinweg schlagen sollte, heute wie ein Berliner Grenzturm wirkt, dem die Mauer abhanden gekommen ist. Denn langfristig war die Durchlässigkeit der deutsch-französischen Grenze mit ihm schon angelegt…“

Si cette initiative devient un vrai projet citoyen et franco-allemand, alors l’Union Européenne marquera une petite et décisive victoire sur le marasme dans lequel elle baigne, et la ville de Saarbrücken un grand symbole d’identité, positive et assumée, dans son paysage urbain et citoyen.

Wenn daraus dann noch ein echtes deutsch-französisches Bürgerprojekt hervorgehen sollte, würde die Europäische Union einen kleinen, aber entscheidenen Sieg über die Gleichgültigkeit, in der sie sich badet, erzielen – und die Stadt Saarbrücken ein großartiges Symbol für ihre Stadtlandschaft und Gesellschaft gewinnen.

Es lebe Europa !

Vive l’Europe !

Marie Greget, 2014 / Mai 2022