Herbert W. Franke, Wege der bildenden Kunst

Der Rahmen: eine Erfindung der Kunst? – Falsch! Der Rahmen ist eine Erfindung der Natur, unserer Wahrnehmung. Dort nennt man sie Gestalterkennung – und meint, die tief in der Physiologie des Lebens verankerte Fähigkeit, Grenzen als solche zu erkennen: als Grenzen, die andere Lebensformen oder auch Objekte definieren und für uns erkennbar zu machen: Menschen, Tiere und Pflanzen – oder auch Seen und Gebirge, die sich vom Himmel abgrenzen. Wie alles, was der Mensch als Kulturgut erschaffen hat, ist auch der Bilderrahmen etwas, das aus evolutionärer Relevanz entstand.

 

Innovatives offenes Rahmenkonzept für eine Minibilder-Galerie, um 2000, Fotografie: Bildarchiv : space press

 

Wer kennt sie nicht: die endlosen Diskussionen über Kunst, die meist damit enden, dass man sich nicht darauf einigen kann, was Kunst eigentlich ist? Wenn man sich dem Problem zu nähern versucht, dann merkt man bald, dass die Schwierigkeiten durchaus verständlich sind – Kunstwerke können sehr verschieden sein: so verschieden, dass ein Heiligenbild und eine Ballettaufführung zur selben Kategorie gehören. Und doch lässt sich ein Ausdruck finden, der für beides zutrifft: Es sind nämlich beides Angebote zur Wahrnehmung; und genau das, was für Wahrnehmungsprozesse typisch ist, vollzieht sich, wenn man mit ihnen konfrontiert wird.

Die Natur hat den Menschen mit mehreren Organen ausgestattet, mit denen er sich Informationen aus der Umgebung holen kann. Eine führende Rolle spielen dabei die Augen, und deshalb soll die ‚bildende Kunst’ auch Gegenstand der folgenden Überlegungen sein. Die meisten  Antworten, die sich für die Aufnahme von bildender Kunst ergeben, gelten auch für die anderen Kunstarten.

Sieht man sich bei den vorliegenden Werken der bildenden Kunst näher um, dann merkt man bald, dass diese einer Entwicklung unterliegt, die immer wieder Neues hervorbringt. Zunächst kommt der urhafte Mensch mit optischen Eindrücken aus, die ihn über Gegenstände und sich in seiner Gegend zutragende Vorkommnisse informieren. Vielleicht gelangt er in eine Lichtung im Wald, und er stellt fest, dass sich dort etwas Auffälliges bewegt – so weit entfernt, dass er nur die Umrisslinien erkennt. Er unterscheidet Körper, einen Leib, vier Beine, einen Kopf… . Es ist ein Tier, vor dem man ihn schon gewarnt hat… . Er kehrt um, sucht seine Angehörigen auf und berichtet ihnen. Und um deutlich zu machen, was er gesehen hat, zeichnet er den Umriß des Tieres in eine glatte Fläche Sand.

Das Bild auf dem Boden ist noch kein Kunstwerk, aber über eine längere Zeitspanne hinweg kann sich eine Kommunikationsmethode daraus entwickeln. Wie könnte sich die Verständigung  aus solchen primitiven Anfängen heraus verbessern? Das dürfte zunächst die Methode des Bildauftrags betreffen. Wenn man die Zeichnung längere Zeit festhalten will, dann wird man stabileres Material dazu wählen – solches, das nicht so leicht abblättert oder verwittert. In der Steinzeit entstanden Bilder als Ritzzeichnungen an Felswänden oder in Höhlen als Malereien mit Lehm und Kohle als färbendes Material. Später kamen zubereitete Farben hinzu, und da kam bei den Bildautoren die Frage nach dem Schönheitswert ihrer Produkte auf. Man kann das als die Geburtsstunde des bildenden Künstlers ansehen.

Auch fanden Menschen Vergnügen daran, Bilder zu erzeugen – nicht selten besonders Begabte, die als Meister auftraten und Schulen für Lehrlinge und Mitarbeiter unterhielten. Unter ihrem Einfluss begann sich die Aufgabe der Bilder zu verändern. Es war weniger der Informationswert, den man nun von ihnen erwartete, als die Erinnerung an Personen, die mit ihnen abgebildet waren, oft verbunden mit emotionalen Empfindungen. Es ist anzunehmen, dass sich daraus Handelsbeziehungen entwickelten.

Einfluss auf die Preise dürften die Kunstwissenschaftler gehabt haben, die sich für das ‚Phänomen Kunst’ interessierten, und danach fragten, wie ‚schöne’ Bilder zustande kamen. Und sie fanden Regeln heraus, welchen das Bildmaterial gehorchen mußte, um  als wertvoll zu gelten.

Hier waren es vor allem erwünschte Wirkungen der Darstellungen: Stimmungen, die man den Besuchern vermitteln wollte – was durch Äußerungen einer anderen Kunstform, der Musik, wirkungsvoll verstärkt wurde. Die zunehmende Verbreitung von künstlerischen Bildern im Lebensraum führte zu einer Popularisierung der Kunst. Sie erhielt einen Rang in der westlichen Kultur. Das führte unter anderem dazu, dass man das Unterrichtsfach ‚Zeichnen und Malen’  in den Lehrplan allgemein zugänglicher Schulen einführte.

Dazu gehörte aber auch, dass sich immer mehr Philosophen an Kunst betreffenden Diskussionen beteiligten. Ein Beispiel: So wurde ernsthaft behauptet, dass eine in Bildern steckende ‚Wahrheit’ oder ‚Wirklichkeit’ deren Wert erhöhte – der zur Abbildung ausgesuchte Gegenstand oder die Person mußten also fehlerlos auf die Leinwand übertragen werden. Diese Vorschrift war schwer zu erfüllen – man suchte nach einer Methode, mit der sich das Motiv selbsttätig auf die Leinwände übertrug. Und das unmöglich Scheinende traf doch ein: Henry Fox Talbot erfand gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten die Fotografie.

Die fotografische Abbildungsmethode erschien gegenüber der damaligen Entstehungsweise von Portraits und Ähnlichem so phantstisch, dass kaum jemand für möglich hielt, was heute nahezu kostenlos gelingt: die Übernahme des Mediums durch weite Kreise der gebildeten Bevölkerung. Dadurch entwickelte sich ein Medium, das die Situation des Umgangs mit Bildern über Generationen hinweg veränderte und die ursprünglichen Anwendungen der Fotografie merklich erweiterte. So trat der ‚Foto-Amateur’ auf den Plan, der sich einer bestimmten Art von Objekten bevorzugt widmete. Zu den Erinnerungsbildern kamen dokumentarische Sammlungen von historischen Andenken: Dokumentationen von Feiertagen, Ehrungen, Schulabschlüssen, Seereisen und so fort. Und als neuer Beruf meldete sich der Fotograf mit Studios und besonders leistungsfähigen Apparaten.

Familienportäts im Holzrahmen, Fotografie: Bildarchiv : space press

Der Fotoapparat begann auch eine besondere Rolle in Wissenschaft, Technik und Medizin zu spielen: Unter anderem die  Mikrofotografie war eine Anwendung, die manche Fotografen dazu herausforderte, ihre Aufnahmen nach ästhetischen Gesichtspunkten zu beurteilen und Ausstellungen zu zeigen. Relativ schnell folgten Spezialisten der Bildanalyse diesem Beispiel, und manche bauten selbst zusätzliche Apparaturen, die Figurationenen aus den  Bereichen der Wissenschaft, Technik und Medizin erzeugten, die ihnen Bilder ohne Gebrauchswert, aber von auffälligem grafischen Reiz lieferten.

Dazu eignen sich auch recht einfache Werkzeuge, unter anderem Lineale, Dreiecke und Zirkel, mit denen man mathematisch, und das heißt ‚mit Formeln beschreibbare’, Figuren ohne besondere Mühen fertigen und somit auch  fotografieren kann.

Solche Hilfsmittel bieten sich auch an, wenn man Bilder speziell auszeichnen will, ohne etwas darin zu verändern. Zur Zeit des Expressionismus legten mehrere der bekanntesten Maler Wert darauf, den Inhalt ihrer Bilder von der banalen Umwelt zu trennen. Das kann mit Hilfe von Rahmen aus Holz geschehen, und einige der Bildschöpfer fertigten die Rahmen persönlich an, so dass die innen liegenden Bilder besonders eindruckvoll zur Geltung kamen.

Inzwischen hat uns die Technik ein weiteres Gerät beschert, von dem niemand angenommen hat, dass es zu Streitgesprächen über Kunst führen könnte – was aber doch geschehen ist: der Computer. Seine zur Ausgabe dienenden elektronischen Sichtflächen waren schon bei den frühest verfügbaren elektronischen Mess-Geräten – den Analog-Computern – vorhanden, eingebaute Bildschirme von wenigen Zentimetern Durchmesser, sogenannte Oszillographen. Der Rahmen war hier also ein integrierter Bestandteil des Werkzeuges selbst. Später wurden die Bildschirme größer, und die Linienüberlagerungen konnten fotografisch festgehalten werden.

Ein paar Jahre später standen die moderneren Digital-Computer zur Verfügung, und der deutsche Erfinder des Computers, Konrad Zuse, erfand auch noch eine mechanische Zeichen-Maschine, bekannt als GRAPHOMAT. Inzwischen hatten sich leistungsfähige Home Computer durchgesetzt, so dass heute jeder, der Interesse daran hat, mit Bildern experimentieren und beachtenswerte Ergebnisse vorweisen kann.

Herbert W. Franke an einem PC mit Computergrafik, 1987, Fotografie: Bildarchiv : space press

In dieser Zeit kam es zu den härtesten Diskussionen über die Frage, ob das, was da angeboten wurde, Kunst sein konnte oder nicht. Als aber bald darauf in Kunst-Akademien auch das Fachbereich ‚Computergrafik’ eingeführt wurde und computergenerierte Grafiken in alt-ehrwürdigen Museen gezeigt wurden, schien dieses Problem gelöst: Auch der Computer kann als Hilfsmittel zur Produktion künstlerischer Aufgaben eingesetzt werden: Computergrafik ist ein Teil der Kunst – und auch die Kreationen mit dieser Hochleistungsmaschine basieren – wie die Werke mit Pinsel auf Leinwand gemalt – auf den gleichen neuronalen Prozessen, die die Evolution des Lebens auf der Erde im Lauf von fast vier Milliarden Jahren entwickelt hat. Und das gilt ebenso für die Vision einer intelligenten Maschine, die dann auch in der Lage ist, aus eigenem Antrieb Kunst hervorzubringen.

Herbert W. Franke

Dank

Zugewandt, großzügig, offen, verbindlich, präsent… Franke war im besten Sinne „old school“, ein Privatgelehrter, wie man ihn im heutigen Wissenschaftsbetrieb kaum noch findet.

2010 entstand Frankes Beitrag zur Scintigrafie als künstlerisches Ausdrucksmittel, 2012 eine Betrachtung zur Funktion der Grenzen – s. Notizblog, Post vom 19. Juli 2022 – und 2019 der vorliegende, bislang nicht veröffentlichte Essay für ein regiofactum-Buchprojekt zu Rahmenbedingungen und Grenzgebieten der Kunst im 20. und 21. Jahrhundert.

Viele Freude beim Lesen!