Vorlesen ! Leggere…

Im Beitrag von Christine Dölker geht es um Reflexionen rund um das neue Buch von Waltraud Mittich, das zwischen Südtirol und der Ukraine entstanden ist.

Aktuell:
Erstpräsentation am 3.10.

-Stadtbibliothek Brixen-Bressanone, Südtirol-Alto Adige, Italien, Anmeldung: biblio@brixen.it.
Es sprechen und lesen die Autorin zusammen mit ihrer Übersetzerin Chrystyna Nazarkewytsch.
Moderation: Alma Vallazza
Rezension von Sabine Dengscherz, Literaturhaus Wien mit Leseprobe
Rezension von Valetina Gianera www.salto.bz, 1.10.

 

Vorlesen! Leggere…

Christine Dölker

Wie schon zuvor Abschied von der Serenissima (2014) stellt auch Waltraud Mittichs neues Buch Ein Russe aus Kiew (Herbst 2022) meine Methodik des Lesens auf die Probe – mit denkbar positivem Ergebnis. Erschienen im August 2022 reiht sich das Buch – zumindest dem Titel nach – zu jenen Werken ein, die als Antwort auf den Ukraine-Krieg in den Buchhandlungen inzwischen geradezu eine eigene „Abteilung“ bilden: Literatur aus der und über die Ukraine.

Blick aus dem Fenster, Sommer 2022, Foto: Eva Mendgen

Und doch ist Mittichs Buch anders. Zwar lese ich es in einem Rutsch durch – fesselt mich die Lektüre, ist dies bei mir durchaus üblich, auch wenn ich dadurch manches verpasse oder überlese. Nun ertappe ich mich aber, dass ich gelegentlich zurückblättere, erneut „nachlese“, um anschließend weiterzulesen.

Und ich merke, wie die Zeilen eben nicht nur Schwarz auf Weiß geschrieben stehen, sondern wie sie geradezu „hörbar“ scheinen.

Spricht also etwas dagegen laut zu lesen?

Der laut lesende Mensch exponiert sich total. Wenn er nicht weiß, was er liest, sind seine Worte unwissend, es ist ein Jammer, und das hört man. […] Wenn er wirklich liest, wenn er sein Wissen hineinlegt und seine Lust kontrolliert, wenn das Vorlesen bei ihm ein Akt der Sympathie sowohl für den Zuhörer wie für den Text und seinen Verfasser ist und wenn es ihm gelingt, die Notwendigkeit zu schreiben hörbar zu machen, indem er unsere verborgensten Bedürfnisse zu verstehen weckt, dann öffnen die Bücher sich weit, und die Menge derer, die sich vom Lesen ausgeschlossen wähnten, strömt hinter ihm hinein.

Daniel Pennac, Wie ein Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. München, 1998, S. 196

Eigentlich ist Ein Russe aus Kiew kein Roman im klassischen Sinne. Gedankensprünge, Abschweifungen, das Zurückkehren zum Thema von ein paar Seiten zuvor – der Text gleicht dem gesprochenen Monolog einer Suchenden.

Es geht um das sich Vortasten, das sich Annähern, das Vergleichen.

Wer bin ich? Wie gelingt es mir, mir Sprache anzueignen und wie ist diese Mittel zur Verortung des Selbst?

Der eigene Vater (eben der Russe aus Kiew), mehr noch aber Autoren wie Stefan Zweig oder Joseph Roth, sind in diesen Überlegungen ihre Sparrings-Partner im Geiste.
Mittich zeichnet Parallelen zwischen ihrer Lebenswelt in Südtirol und jener des Vaters, zwischen Südtirol und der Ukraine – nicht ohne auf das slawische Toponym „Krajina“ oder „kraj“ zu verweisen und damit letzteren Staat als Grenzraum (also nicht im nationalstaatlichen Sinne) zu definieren.

Detail aus einem historischen Panorama an der deutsch-französischen Grenze, hier mit Blickrichtung „UKRAINE“; im Sommer 2022 spurlos verschwunden

Es geht Mittich um das Leben in Grenzräumen und die Mehrsprachigkeit als Identifikationsmerkmal und verbalisierte Ausdrucksmöglichkeit innerer Zustände, um das Sich-selbst-neu-Verorten nach geopolitischer Neu(zu)ordnung.

Die Frage, ob sich das Hochdeutsche im Galizien des Joseph Roth oder im Südtirol der Waltraud Mittich eignet, die (individuellen) Befindlichkeiten herauszustellen, wird von Mittich verneint.

Vielmehr scheint es ihr plausibel, in Grenzregionen eine Art „Melange“ verschiedener Hochsprachen festzustellen, mittels derer man sich zunächst in der gesprochenen Sprache verorten kann. Die Transformation der gesprochenen Sprache in eine Schriftsprache stellt die nächste Herausforderung dar – für den Autor wie den Leser.

Mittich zitiert und „übersetzt“ ein Gedicht, das diese sprachliche Melange offenbaren soll.mFür mich, als Leserin erschließen sich die sprachlich-phonetischen Querverbindungen zu den Hochsprachen erst, als ich versuche, den Text laut zu lesen.

In der Schule wurde uns das Lautlesen verboten. Stilles Lesen, so hieß damals das Credo. Direktübertragung vom Auge zum Gehirn. Schnelligkeit, Leistung. Mit einem Verständnistest alle zehn Zeilen. Von Anfang an die Religion der Analyse und des Kommentars!

Daniel Pennac, Wie ein Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. München, 1998, S. 193

Und wieder bin ich bei Pennac und dem von ihm postulierten Recht, laut zu lesen und einen Text mehrfach zu lesen – um ihn zu verstehen, um ihn bis zur letzten Silbe zu goutieren.

Christine Dölker

Christine Dölker, MA, hat in Saarbrücken (wegen der Lage im Dreiländereck Saarland-Lothringen-Luxemburg) Kunstgeschichte, Neuere Geschichte und Anglistik studiert. Sie lebt und arbeitet heute in Baden-Württemberg, in einem historischen Dreiländereck…

Fotografische Skizzen: Eva Mendgen

 

Hineingelesen:

Ein Russe aus Kiew, Innsbruck 2022:

Ukraine oder ein Staat, den es damals nicht gab

Wann war damals? Es war die Zeit, 1939 genauer gesagt, als meine Mutter – Südtirolerin deutscher Muttersprache, italienische Staatsbürgerin -, als sie aufgrund von Abmachungen zweire Diktatoren, Mussolini und Hitler, als diese junge Frau gezwungen war sich zu entscheiden, ob sie dableiben wollte – in Südtirol, in Italien, oder ob sie als Deutsche ins Reich auswandern solle. Diesen Vorgang nannten die Herrschenden „optieren“. Meine Mutter verschlug es ins Salzburgische, in die Ostmark. Wie viel du, Vater, von diesen historischen Umständen wusstest, in Kenntnis warts von Historie, ich meine, ob du gebildet warst, entzieht sich meiner Kenntnis.
Damals gab es die mächtige, riesige kommunistische Sowjetunion, Sie bildete eine größtenteils unfreiwillige Union mit vielen kleineren und größeren Ländern und Ethnien. So auch mit der Ukraine.
Meine Mutter lernte bei Kriegsende in Bad Goisern – ein kleiner Ort im Salzkammergut – einen russischen Kriegsgefangenen kennen und offensichtlich lieben – dich. (…),
S.13

Serenissima, Innsbruck 2014:

„Meiner Mutter Geheimnisse sind historischen Ursprungs. Alles, was ihr widerfahren ist, hat sie mit grenzenloser Passivität ertragen. Auch die ist historischen Ursprungs. (…)“ (S.38)

Das Schicksal meiner Mutter hat sich in ungefähr 15 Jahren erfüllt, in denen die Geschichte Europa und den Rest der Welt erschüttert hat, von 1936 bis 1953 war diese Frau immer neuen Aufbrüchen ausgeliefert, die sie nicht selbst steuern konnte. Migrantin der ersten Stunde dieses unseligen Jahrhunderts. (…) “ (S.41)

„Wie in einem Brennglas, sagen die Historiker, finden sich in der Geschichte des kleinen Südtirol die Geschichte des 20. Jahrhunderts… „ (S.50)

 

Waltraud Mittich

ist 1946 in Bad Ischl geboren, übersiedelte 1952 nach Südtirol, studierte Lingue e letterature straniere e moderne an der Universität Padua, lebt in der Europaregion Tirol Südtirol Trentino : Euregio Tirolo Alto Adige Trentino.

Europa hat viele Geschichten, nicht eine davon möchte ich missen. Die Sprachgeschichten von Palermo bis Flensburg, die Dialekte, die dazwischen liegen, sie sind meine Heimat…
Lasst uns den Grenzmythos neu erzählen. In Europa. Und überhaupt.

Waltraud Mittich, www.salto.bz. 31.12.2016

Abschließend ein paar Worte zum Verlag

In der Edition Laurin – mit der Verlagsleiterin Birgit Holzner – sind mehrere Bücher von Mittich erschienen.
Sie sind alle ausgesprochen schön gestaltet, sorgfältig aufgemacht.
Es ist eine Freude, sie immer wieder in die Hand zu nehmen, zu lesen, vorzulesen – und nicht zuletzt zu sammeln.

Glücklich ist, wer die Unterstützung eines derartigen Verlages hat!

Edition Laurin bei innsbruck university press
Universität Innsbruck, Karl-Schönauer-Straße 3
A-6020 Innsbruck

Mille grazie
Christine, Waltraud, Birgit, danke für den Austausch und das Kontakt halten, auch über die vergangenen Jahre hinweg!