What glass gives society

2022 is the UN International Year of Glass, to celebrate the essential role glass has and will continue to have in society.
With its unparalleled versatility and technical capabilities, glass in its many guises has fostered innumerable cultural and scientific advancements…

 

Vase mit Kapuzinerkresse von Désiré Christian, Foto: Marion Chérot, Ausstellung Rendez-vous mit den Nordvogesen, bis 23. Februar 2023, Vortrag von Yvon Fleck am 7.12.2022

Vorab

Glas ist für mich das Ergebnis gemeinsamer Anstrengung, das zu immer neuen Ergebnissen führt und sich in einer ungeheuren Vielfalt und Erneuerungskraft ausdrückt. Die Groß/Grande Région bietet unendlich viele Anknüpfungspunkte, lokal, regional, international.
Von hier aus dieses Metier zu ergründen, bringt den Austausch mit anderen mit sich, ist eine Aufforderung zur Zeitreise, zur Entdeckung jener Liens et Lieux, der Verbindungen zwischen Menschen, Orten, ihren Sprachen und ihren unendlichen Geschichten…
Auf diese Reise möchte ich euch gerne mitnehmen, immer wieder, immer wieder neu, hier im Blog und später in einer neuen Rubrik GLAS(S)*VERRE auf dieser Website (Anfang 2023). Die Fotos sind unterwegs mit Kai und Andreas, der arge lola, entstanden, soweit nicht anders gekennzeichnet.
Wenn ihr die links („liens“) aufruft, werdet ihr auch einen Fotofilm finden und ein schönes Interview…

Lasst euch überraschen!

 

 

Perspe(c)(k)tive

Il vaut la peine de découvrir, comment la construction politique de la Grande Région Saarland-Lorraine-Luxembourg-Rhénanie-Palatinat-Wallonie, creuset de la Communauté européenne du charbon et de l’acier, nous permet de percevoir les liens incontestables entre verriers, idéaux transfrontaliers et l’originalité de leur savoir- faire, qui en font une communauté culturelle de professionnels, cette même communauté culturelle qui, aux yeux de Robert Schuman dans son livre Pour l’Europe (1963), constitue une condition sine qua non à l’épanouissement de l’Europe.

Das politische Konstrukt der Großregion Saarland-Lorraine (Grand Est)-Luxemb(o)urg-Rheinland-Pfalz-Wallonie(n) erlaubt es uns heute, die jahrhundertealte und eng miteinander verflochtene Industriekultur nicht nur als ein Alleinstellungsmerkmal, sondern auch als ein gemeinsames Erbe und Teil einer grenzübergreifenden Produkt-, Technik- und Arbeitskultur zu entdecken.

Empfang im Kultusministerium des Saarlandes, ursprünglich Ambassade francaise en Sarre, anlässlich der Kulturhauptstadt Europas, Großregion Saarland-Lothringen-Luxemburg-Rheinland-Pfalz-Wallonien/Capitale culturelle Sarre-Lorraine-Luxembourg-Rheinland-Pfalz-Wallonie, 2007, mit Glas aus der Cristallerie Saint Louis

Dans la Grande Région, la production de verre est le symbole d’une histoire mouvementée: elle fut pionnière de l’industrialisation ainsi que la fierté du monde manufacturier.

Transparence : l’histoire de la transgression des frontières se lit dans la Butterdose de la Glasfabrik Fenne Glasmuseum im Heimatmuseum im Warndt (Martin Graff)

Die Geschichte der Glasmacher zwischen Rhein und Saar, Mosel und Maas ist eng mit dem wechselvollen Schicksal des „Landes zwischen den Ländern“ verknüpft. Hier arbeiteten zahlreiche Erfinder, Ingenieure, Künstler, Handwerker und Unternehmer Hand in Hand.

Sie entwickelten und vermarkteten ihre Produkte auf der Grundlage einer über Jahrhunderte hinweg grenzübergreifend gewachsenen ökonomischen, sozialen und kulturellen Infrastruktur, gehörten zur großen internationalen Glasmachergemeinde, die sich seit dem 15. Jahrhundert Teile in den Vogesen, dem Warndt, dem Saarkohlewald, dem Hunsrück, den Ardennen, dem Lütticher Land, Namur, Charleroi, dem Hennegau, der Provinz Limburg und dem Rheinland … angesiedelt hat.

Glasleuchterfamilie, Privatsammlung Ludweiler

Développement durable avant la lettre

Nicht wenige Glasmacher kamen aus den Glasmacherzentren Italiens, Böhmens oder aus anderen Teilen Europas, um hier zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und gegebenenfalls weiterzuwandern.

Durant des siècles les savoir-faire humains ont permis de franchir les barrières des langues par des échanges qui mettent en valeur l’homme et ses dons. (…) Ces savoir-faire de l’humanité dans des berceaux comme la Grande Région sont modernes dans l’efficacité de leurs échanges … du développement durable avant la lettre. Cela constitue un vrai patrimoine vivant, original, qui demeure une leçon pour notre époque.  zit. nach Didier Repellin

L’art de la verrerie joue jusqu’à nos jours un rôle prépondérant dans la Grande Région europénne, bien que largement ignoré aux yeux de la politique et du public. Le succès continu que connaît cette industrie revient entre autres au contexte de la vie européenne des verriers.
En effet, au cours des siècles, les communautés de verriers ont été contraintes de faire face à des défis de nature politique, technique et sociale.

Panorama an der Maginot-Linie, deutsch-französische Grenze, Foto: Eva Mendgen

Immer wieder revolutionierten Neuerungen die Produktion, wie zum Beispiel die Entdeckung des Kristallglases Ende des 18. Jahrhunderts in Namur und in Saint-Louis-lès-Bitche (Münzthal) in der heutigen Commauté de communes du verre et du cristal (Région Grand Est), l‘Art Verrier von Émile Gallé oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Entwicklung des Tafelziehverfahrens durch den belgischen Ingenieur und Unternehmer Émile Fourcault (version francaise cliquez ici), dessen Geburtstag sich 2022 zum 160. Mal jährt.

Chaque pièce fait partie d’une histoire complexe, qu’il s’agisse de petites séries de cristal artisanal, de pièces uniques et précieuses, telles que les vases d’ Émile Gallé, ou encore d’articles fabriqués par des machines et destinés à l’usage domestique. Autant de produits qui, de part leur succès, ont été et continuent en partie d’être exportés dans le monde.

Émile Gallé, Vase à la carpe : Vase mit Karpfen, 1878, Musée, Meisenthal, Foto: die arge lola/regiofactum, aktuell in der Ausstellung Rendez-vous mit den Nordvogesen, Historisches Museum Saarbrücken, bis 26. Februar 2023

Inspiré par un modèle d’une gravure sur bois japonaise, Émile Gallé, „verrier lorrain“ et un des plus grands artist-entrepreneur de son temps, fit fabriquer en série limitée le „vase à la carpe“ en 1878 dans la verrerie de Meisenthal (Musée du verre et du cristal, Meisenthal).

Nach einem japanischen Holzschnitt ließ Gallé, einer der wichtigsten französischen Glaskünstler- und fabrikanten, die „Vase à la Carpe“ 1878 in der Glashütte von Meisenthal in Kleinserie anfertigen (Musée du Verre et du Cristal, Meisenthal).



Gallé erweiterte nicht nur die Möglichkeiten der Glaskunst durch die Verknüpfung von Wissenschaft und Technik, er beschäftigte auch Glasmacher und Glaskünstler beiderseits der instabilen deutsch-französischen Grenze.
En alliant science et technique, Émile Gallé put ainsi non seulement élargir la gamme de produits verriers, mais surtout employer des verriers et artistes des deux côtés de la frontière franco-allemande.

 

Großregion in Bildern, regiofactum 2009 (Tag der Großregion, Saarbrücken)

Cette belle industrie, wie sie im 19. Jahrhundert genannt wurde, kann man nur im größeren Kontext der europäischen Kunst-, Kultur-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte gerecht werden, mit all ihren nationalen, regionalen und  internationalen Verflechtungen.

Exemplarisch – und unter diesen Gesichtspunkten erst ansatzweise gewürdigt – ist der Künstlerunternehmer Gallé aus Nancy, der als Künstler, Unternehmer und Grenzgänger im bon pays de Lorraine, zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien mit seiner „Verrerie d’art“ nicht nur das Métier selbst revolutionierte, sondern auch seine kulturelle Bedeutung.
Sah die französische Avantgarde in Gallé den Patrioten, so fühlten sich die Deutschen dem Regionalisten Gallé verwandt. Dieser beherrschte die Grenzland-Dialektik wie wohl kein zweiter.
Kaum bekannt ist, dass das Modell Gallé ohne die über viele Generationen gewachsene, grenzübergreifende Infrastruktur kaum denkbar gewesen wäre (und das gilt für alle bahnbrechenden Entwicklungen hier). Er ist Teil jener Industriekultur, aus der nach dem II. Weltkrieg die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl hervorgegangen ist.

UNESCO-Welterbe Völklinger Hütte, in der Nähe der Fenner Glashütte, Foto: Norbert Mendgen

Um 1900 beschäftigten die Glashütten im deutsch-französisch-belgischen Grenzland zwischen 500 und 4000 Mitarbeiter, gefertigt wurde Kunst-, Luxus- und Gebrauchsglas vom künstlerischen Unikat zum Massenprodukt, geblasen, gepresst, gezogen, gegossen oder gewalzt, von Hand oder halbautomatisch hergestellt, in einer Vielfalt an Formen, Dekoren und Veredelungstechniken, von der wir heute nur noch träumen können.

Schale, Raspiller &Cie, Fenner Glashütte bei Saarbrücken, Station Louisenthal, 1881 / verrerie de Fenne, Privatsammlung Ludweiler, Foto: die arge lola/regiofactum

Über Generationen und nationale Grenzen hinweg versorgten die Glasmanufakturen im Grenzraum Millionen von Haushalten mit Gebrauchsglas, Nachbarn ebenso wie die Menschen weltweit.

Dépassant les conflits nationaux, l’industrie verrière de la Grande Région approvisionna des millions de ménages en verre d’usage. La verrerie de Fenne au Warndt près de la frontière franco-allemande à la Sarre a régulièrement changé de noms en raison de la succession des propriétaires et des changements de statut de l’entreprise, par ex. : Raspiller & Cie, VTF/Verrerie Trois Fontaine, Saarglas AG ...

So gesehen in Meisenthal vor 2007…

Die Geschichte der Glashütten drückt sich auch im Wechsel der Firmenbezeichnungen, der Besitzer, der Unternehmensformen und der – nicht selten durch „Geheimverträge“ geregelten –  Zusammenarbeit über die labilen Grenzen hinweg aus. Die 1936 stillgelegte Glashütte in Fenne z.B. geht auf Raspiller &Cie im 19. Jahrhundert zurück und zeichnete später dann als Vereinigte Fenner Glashütte und Glasfabrik Dreibrunnen, Hirsh und Hammel, VTF/Verrerie Trois Fontaine oder Saarglas AG… (hier mehr zur Geschichte / Produkten lesen).

Die Automatisierungs- und Konzentrationsprozesse des 20. Jahrhunderts haben einige wenige Manufakturen überlebt, darunter auch die Kristallerien in Baccarat und Saint Louis, wo Glasmachen eine Art „Mannschaftssport“ geblieben ist.

Meilleur ouvriers, Saint Louis-lès-Bitche, um 2013, Foto: Eva Mendgen

In der mindestens siebenköpfigen „Équipe“ arbeitet man unter den wachsamen Augen des Meisters („Chef de place“) beim Formen des dem Ofen entnommenen, glühend heißen Rohmaterials Hand in Hand. Die handwerkliche Qualifikation, das über viele Jahre entwickelte Gespür für das richtige „Timing“, „die ficelle vom Handwerk“ garantieren den reibungslosen Ablauf bei der Herstellung und sind die Voraussetzung für die angestrebte, immer gleiche Makellosigkeit der Glasobjekte.

In der Rue de Paradis in Paris, Nähe Gare du Nord / Gare de l’Est, unterhielten die großen Kristallerien bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre Kontore, präsentierten und verkauften ihre Waren in Prachtbauten, die heute, z.T. frisch restauriert, einen anderen Zweck erfüllen.

Ancrés à l’échelle locale, les verriers se sont dès le départ orientés vers l’international, ce qui leur a permis de répondre avec succès à des mutations structurelles de différentes natures. Le verre est une production communautaire, le fruit d’une collaboration. Du moins, c’est ainsi que le définissent les Meilleurs ouvriers de ce métier, à savoir les ouvriers de cristalleries, successeurs des ‘gentilshommes verriers’ qui étaient les premiers à s’être installés dans la Région au 15e siècle.

Das Handwerk hat sich seit der Ansiedlung der „gentilshommes verriers“ im 15. Jahrhundert – damals eine Maßnahme feudaler Wirtschaftsförderung – kaum verändert. Man versteht sich als Teil eines größeren Ganzen, der „Manufaktur“, zu dem die zahlreichen Gebäude der Glashütte ebenso wie die Arbeitersiedlungen oder die Kirche gehören. Diese Sichtweise, die vor Ort die Älteren vertreten, lässt sich bei einem Besuch in den noch relativ intakten Glasmacherortschaften in Saint-Louis-lès-Bitche und in Baccarat nachvollziehen.
Hoffen wir, dass diese Preziosen endlich in ihrem Wert für die Gesellschaft, hier und anderswo – erkannt werden.

Schaubühne, Cristallerie Val Saint Lambert, Foto die arge lola / regiofactum 2011

In der Großregion befinden sich zahlreiche Glasmuseen, private und öffentlich zugängliche Glassammlungen, alte und neue, zum Beispiel in Liège, Seraing und Charleroi, in Nancy, Meisenthal, Saint-Louis-lès-Bitche und gleich „nebenan“ in Wingen-sur-Moder, aber auch in Trier, Speyer und Koblenz… Aber es nützt nichts, die Objekte alleine in den Mittelpunkt zu rücken und ihre Herkunft – dem Grenzland – zu ignorieren und umgekehrt in der Provinz mit Metropolen zu konkurrieren, die hier schonmal präsenter waren (im 19. Jahrhundert, als dort tatsächlich Dependencen eröffnet wurden und der Austausch ein lebendiger war).

In der Großregion werden auch heute noch Glasmacher ausgebildet, der Werkstoff ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, wenn auch immer seltener.

Die einmalige Arbeitskultur, das „Génie du Travail“ (Yvette Sonntag), warten bis heute auf ihre Anerkennung.
Dasselbe gilt für die spezifische, europäische, „communauté culturelle“ der  Glasmachergemeinden und -gemeinschaften.

Weiterlesen, z.B.

◊Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen in der Grenzregion (Hg. Christian Wille, Universität Luxemburg), 2015
◊Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen. Glashüttenarbeiter in der Fotografie: Helden?, Katalog zur Ausstellung im LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim, Essen 2010
Touché, Arbeiten mit Glas in Meisenthal, HBKsaar (Hg.), Saarbrücken 2001

◊Glas und Ton für Kunst und Lohn, Heimatkundlicher Verein Gersweiler, Saarbrücken 2001
◊Reflexionen: Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal, (Hrsg. Francois Burkhardt / HBKsaar), Ausstellungskatalog Regionalgeschichtliches Museum Saarbrücken
Stätten des Glases und des Kristalls in der Großregion in: interaktiver GR-Atlas der Universität Luxemburg (La production en verre et cristal)
Eckstein, Journal für Geschichte Nr.11, Saarbrücken 2005, S.26 – 47
◊Meisenthal – eine Kunstglashütte, in: Reflexionen: Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal, Hrsg. HBKsaar, Ausstellungskatalog Regionalgeschichtliches Museum Saarbrücken, 1996

Kronleuchter im MuséeLa Grande Place, Saint Louis-lès-Bitche, Foto aus der Serie Glas und Kristall in der Großregion, arge lola / regiofactum